„Es geht darum, das richtige Wort
zu finden, nicht
seinen Cousin zweiten Grades.“

Mark Twain

Nur Bares ist Wahres

Nur Bares ist Wahres

Wer zu Hause zu viel Zeug hat, wünscht sich Geld. Der Nachteil: die Idee des Schenkens stirbt.

 

Die Bewohner der Innenstädte leiden unter Phantomschmerzen. Nein, wir glauben nicht, dass uns ein Arm oder ein Bein abhanden gekommen sei; jeder, den ich kenne, meint, dass seiner Wohnung genau ein Zimmer fehle: Bewohner einer Drei-Zimmer-Wohnung benötigen dringend eine Vier-Zimmer-Wohnung, haben sie ein vier Zimmer, müssten es eigentlich fünf sein. Doch ich glaube gar nicht, dass wir zu wenig Platz haben. Wir haben einfach viel zu viel Krempel. Mein Mann etwa beharrt darauf, seine extensive Plattensammlung bei uns im Esszimmer zu lagern. Er sieht seinen Besitz als Teil seiner ästhetischen Biographie, von dem er sich niemals trennen würde. Dass seine Sammlung mehrere Regalmeter verbraucht und wir ein eigenes Regal für Singles aus den 80ern haben, das stört ihn nicht. Es stört auch nicht, dass wir vor lauter Platten gar keinen Platz mehr für einen Plattenspieler haben. Wenn ich sage, dass Zeug müsse raus, dann verdreht er nur die Augen. Wenn ich sage, dass für jedes neue Ding ein altes die Wohnung verlassen müsse, weil wir sonst dort nicht mehr darin wohnen könnten, ebenfalls. Denke ich an Weihnachten, dann wird mir schon ganz schwindelig. Das Kind wünscht sich eine Erweiterung der Hot-Wheel-Bahn, ein Mountainbike mit Gangschaltung und eine Raketenabschussrampe.

Und meine Eltern, die in ihren Vorortswohnsitzen mehr als genug Platz haben, sehen es als Frage der Ehre, Weihnachten möglichst viel Konsumwahnsinn in unserer Wohnung abzuladen: überdimensionale Quietscheenten für die Badewanne, Hirschpasteten in Miniaturgläsern, Bücher für freche Frauen. Dass in unserer Wohnung keine Schublade mehr frei ist, dass unsere Wohnung einer übervollen Schublade gleicht, ist jedem klar, der uns schon mal besucht hat. Trotzdem: Auf die Eieruhr, die nach fünf Minuten „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ spielte, war meine Mutter besonders stolz; sie landete kurz nach ihrer Abreise im Müll. Dieses Phänomen ist bereits Gegenstand wirtschaftswissenschaftlicher Untersuchungen: Achim Wambach, Wirtschaftsprofessor an der Uni Köln, kommt zu dem Schluss, dass Weihnachtsgeschenke der Gipfel der Wertvernichtung wären: „Ineffizient, da sie nicht die Vorlieben der Beschenkten treffen“, lautet sein Urteil: „Bis zu einem Drittel des Wertes wurde bereits durch das Schenken zerstört.“ Fazit: „Ohne Weihnachten  wären wir besser dran.“ Ökonomischer wäre es, sich Geld zu schenken. Das bestätigt auch eine Studie der Unternehmensberatung Deloitte, die ebenfalls genau aufgeschlüsselt hat, wie die Schweizer aneinander vorbeischenken: Die begehrtesten Geschenke: Bargeld. Bücher. Urlaub. Die verschenktesten Geschenke: Bücher. Schokolade. Parfum.

Ich war dieses Jahr insgesamt auf drei Hochzeiten und einem 70. Geburtstag, und jeder, wirklich jedes Brautpaar, jeder Jubilar wünschte sich nur eines: Geld. Egal ob Apothekeradel oder Kreativprekariat, sie alle hatten nur einen Wunsch. Meine beste Freundin (sie wohnt mit ihrer Familie in einer Legebatterie in der Innenstadt) schrieb entschuldigend auf die Einladung: „Wir haben in unserem Haushalt alles, was wir brauchen, und wir haben keinen Platz für mehr. Wenn Ihr uns etwas schenken möchtet, dann könnt Ihr uns diese Feier schenken.“

Angesichts vollständig eingerichteter Wohnungen, knappen Wohnraum und geschmacklicher Superindividualisierung sind Geldgeschenke dann ja nur die logische Konsequenz. Ein schmaler Umschlag mag zwar nicht viel Stil haben, dafür aber viele Vorteile. Erstens: Geld kostet keinen Quadratzentimeter. Vorteil Nummer zwei: maximale Transparenz. Per Kontoauszug lässt sich das eigene Standing im Familien- und Freundeskreis genau beziffern. Gleichzeitig weiß man, mit welchen Einnahmen man beim nächsten Fest rechnen kann. Wenn wir uns also bald gegenseitig zum Geburtstag und Weihnachten Daueraufträge einrichten, würde auch die zeitraubende Geschenksuche wegfallen. Die Sache hat nur einen Haken: die Idee des Schenkens wäre tot. Das ist natürlich schade, aber wenn man darauf beharrt, innerhalb des Trambahnnetzes zu wohnen, dann muss man eben Abstriche machen.

Das Allereffizienteste wäre allerdings, wenn wir uns irgendwann auch die Daueraufträge schenken würden. Es hat ja keinen Sinn, der Freundin zur Hochzeit hundert Franken zu überweisen, damit sie mir dann zu Weihnachten das Geld wieder rücküberweist. Spare doch also jeder gleich aufs eigene Konto, mit feuchtem Händedruck an alle bei jeder Gelegenheit. Mit Zinsen wäre ziemlich bald ein viertes Zimmer drin. Und wieder Platz für Geschenke! Wer sagt’s denn. Problem gelöst.

– Erschienen in Z, der Stilbeilage der NZZ am Sonntag vom 08. Dezember 2014

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