„Es geht darum, das richtige Wort
zu finden, nicht
seinen Cousin zweiten Grades.“

Mark Twain

Was für ein Lapo

Was für ein Lapo

Ende des Monats steht Lapo Elkann vor Gericht, weil er seine eigene Entführung vortäuschte. Ein Waisenknabe war er noch nie, doch was ritt den Fiat-Erben und Jetset-Liebling diesmal?

 

Graugesichtig tritt Lapo Elkann aus der San Giorgio-Kapelle in Portofino, er trägt er einen strengen anthrazitfarbenen Anzug und eine dezente Krawatte, er hat dunkle Ringe unter den Augen, ein Pflaster auf der Stirn. Es ist die Beerdigung seiner Freundin Franca Sozzani, Chefredaktorin der italienischen Vogue – und das erste Mal, dass sich Elkann in der Öffentlichkeit zeigt, nachdem er Ende November von der New Yorker Polizei verhaftet wurde. Wenig ist übrig von dem flamboyanten Feierbiest, das in roten Doppelreihern und Samtslippern ein fester Bestandteil des internationalen Jetsets war, fester Bewohner aller Best-Dressed-Listen, braungebrannt, durchtrainiert, immer auf dem Sprung zur nächsten Party, Kunstmesse, Geschäftsessen. Der 39-Jähre Italiener ist in den letzten vier Wochen um zehn Jahre gealtert.

Dabei begann alles ganz harmlos. Lapo Elkann, Fiat-Erbe, Mitglied des mächtigen Angnelli-Clans, Unternehmer, Designer und Anna Wintour zufolge der „eleganteste Mann des Planeten“ flog Ende November nach New York, eine ganz normale Geschäftsreise. Für den extrovertierten Elkann war es ein völlig selbstverständlicher Vorgang, diesen Vorgang auf dem Bilderdienst Instagram für die interessierte Öffentlichkeit zu dokumentieren: „Fahre nach New York, werde einige interessante Charaktere aus dem Kreativbereich treffen und neue Geschäftsfelder kennenlernen“, sagte er und fotografierte sich im knallroten Doppelreiher, frisch rasiert, mit akkurat gefaltetem Einstecktuch. Es war das ironische Ende seines eigenen Narrativs über sein Leben, ab diesem Punkt erfährt man aus der New Yorker Presse über den weiteren Verlauf des Abends.

Der New York Post zufolge hatte Ekann Escorts kontaktiert, und sich kurz darauf mit einer Frau im Stadtteil Hell’s Kitchen verabredet. Diese stellte ihm Curtis McKinstrey vor, ein 29-Jähriges Transgender-Escort, das Elkann in seine Sozialwohnung zum Feiern einlud. Dort versorgte McKinstrey Elkann mit Alkohol, Marihuana und Kokain und stellte ihm zwei Tage später 10 000 Dollar für diesen Service in Rechnung. All dies wäre der Öffentlichkeit verborgen geblieben, hätte Elkann, der mehrere Privatjets und ein angebliches Vermögen von 800 Millionen Dollar besitzt, seine Geldprobleme etwas diskreter gehandhabt. Da es ihm offenbar nicht möglich war, die Rechnung vor Ort zu begleichen, rief er seinen Bruder John Elkann, 40,  an und gab an, er sei entführt worden. Er benötige nun 10 000 Dollar, um wieder frei zu kommen.

Die Familie alarmierte sofort die Polizei, organisierte eine Geldübergabe und sorgte dafür, dass der angebliche Entführer McKinstry festgenommen wurde. Als sich herausstellte, dass Elkann von seinem Mobiltelefon aus angerufen hatte und das Apartment jederzeit hätte verlassen können, wurde das Escort wieder freigelassen. Elkann hingegen erwartet am 25. Januar ein Gerichtstermin wegen Vortäuschung einer Straftat – bis dahin hat ihn seine Familie in einer Mailänder Suchtklinik verklappt, einzig zur Beerdigung von Sozzani durfte er die Einrichtung verlassen.

Für Lapo Elkann kommt dieser Vorfall zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Denn bereits 2005 hatte der damals 28-Jährige Marketingdirektor von Fiat mit einer 53-Jährigen Transgender-Prostituierten so viel Heroin und und Kokain konsumiert, dass er sich mit diesem Speedball in den Nahtodbereich schoss. Der Transexuelle rief den Notarzt, in letzter Sekunde wurde Elkann ins Turiner Krankenhaus gebracht, wo er tagelang im Koma lag.  Als er wieder aufwachte, musste er feststellen, dass ihn seine damalige Verlobte Martina Stella verlassen und seine Familie ihn aus der Firma ausgeschlossen hatte und er zum Gruselclown des internationalen Jetsets abgestiegen war.  

Doch Elkann nahm einen neuen Anlauf, diesmal unter eigener Flagge: Er gründete die Werkstatt Garage Italia Customs, die Luxuswagen, Boote, Fahrräder und Privatjets einen völlig neuen Look verpasst, etwa Sitze aus japanischem Jeansstoff und Camouflage-Lackierung. Zugleich gründete er Italia Independent, eine Firma für Luxussonnenbrillen aus Karbonfasern, ein Unternehmen, dass so gut läuft, dass Elkann mittlerweile 180 Angestellte hat, und 2015 einen Umsatz von 44 Millionen Dollar machte. Doch die Sache mit dem Transexuellen klebte an Elkanns Image wie ein Hundehaufen am Designerslipper; er mag der Fiat-Gruppe mit der Neuentwicklung des Fiat Cinqucento ein neues Leben geschenkt haben und genügend eigene Erfolge für sich verbuchen –trotzdem kommt kein Bericht über seine gesellschaftlichen und beruflichen Erfolge kamen ohne die Worte „Transe“, „Zusammenbruch“ und „Heroin“ aus.

Nun sind die Bemühungen um einen Imagewechsel erst REcht umsonst: Lapo Elkann ist wieder der kaputte reiche Junge, der sich zu Strichern in Frauenkleidung hingezogen fühlt. Gerade der Aspekt der Transsexualität macht die Sache für Elkann so heikel: Niemand würde sich darüber erregen, wenn ein wohlhabender Mann die Gesellschaft von weiblichen Escorts suchen würde; wäre er bisexuell, homosexuell oder ein SM-Fan, wäre auch dies keine Schlagzeile mehr wert. Doch der Raum des Normalen hat sich noch nicht auf die Transsexuellen ausgeweitet, diese Vorliebe gilt noch immer als abartig und psychisch bedenklich. Das hat vermutlich weniger damit zu tun, dass es absonderlich scheint, Männer mit Brüsten oder Frauen mit Penissen attraktiv zu finden, sondern damit, dass es sich um eine besonders verletzlichen Personenkreis handelt, der oft von Prostitution und in anderen prekären Zusammenhängen lebt. Nachdem sich Schwule und Lesben in den letzten 20 Jahren erfolgreich ihre gesellschaftliche Teilhabe erkämpft haben, ist diese Personengruppe noch dabei, gegen ihre Diskriminierung zu kämpfen. Vielleicht ist Lapo Elkann mit seiner Vorliebe für transsexuelle Männer dem gesellschaftlichen Mainstream zwei Schritte voraus – vielleicht aber fühlt er sich auch zu Menschen hingezogen, die so verletzlich sind wie er selber.


Dabei hat es Lapo Elkann geschafft, zu einem zeitgemässen Männerideal zu werden: modisch, draufgängerisch, sinnsuchend, ein exzentrischer Dandy und dekadenter Bourgeois. Regelmässig findet er sich auf der Liste der am besten gekleideten Männer der Welt wieder, laut Vanity Fair besitzt er über 400 Anzüge, entweder von Gucci oder gleich massgeschneidert.  Er braust mit einem Ferrari mit Tarnfleck-Lackierung durch Italien, reist im Privatjet um die Welt, sein knallbuntes Penthouse in Mailand wird in Architekturmagazinen bewundert. Er ist mit dem exklusivsten Männerspielzeug aufgewachsen der Welt: Ferrari gehört zur Fiat-Gruppe, Maserati und Alfa Romeo ebenfalls. Normale Männer bestellen im Restaurant eine Flasche Wein, seiner Familie gehört das Weingut Chateau Margaux; normale Männer sind Fussballfans sind, seiner Familie gehört gleich Juventus Turin. Seine letzte Freundin war die deutsch-iranische Schönheitskönigin Shermine Sharivar, sein Körper ist bis auf den letzten Muskel durchtrainiert, sein Lebensthema „Independent“ ist auf seinen Arm tätowiert. Wenn ihm danach ist, geht in grünen Crocs in die Oper, knutscht Uma Thurmann ohne Vorwarnung (aber mit Zigarette in der Hand) und dokumentiert seine Flirts in aller Offenheit auf Instagram: oberflächlich betrachtet könnte man meinen, dass Lapo Elkann alle Rockstar-Träume einlöst, die Werbung, Männermagazine und James-Bond-Verfilmungen versprechen.

Doch die Wahrheit ist weit davon entfernt, und nicht umsonst werden die Agnellis als die Kennedys Italiens bezeichnet. Es ist eine Dynastie, die eng mit der Kultur- und Wirtschaftsgeschichte Italiens verflochten ist – und hinter deren glamourösen Fassade es seit Jahrzehnten kracht.

Lapos Grossvater Gianni Agnelli legte den Grundstein für alle dysfunktionalen Generationen. Er war ein angesehener Geschäftsmann, der das Familienunternehmen Fiat in ein globales Unternehmen verwandelte und Italien zur fünftgrössten Wirtschaftsnation der Nachkriegsjahre beförderte. Das Unternehmen hatte schon von Mussolini und dem zweiten Weltkrieg profitiert, nun wurden Autos für die Nachkriegsgeneration gebaut. Doch neben seinem Reichtum und seiner Macht wurde er auch für seinen Stil, seine Exzentrik und seine zahlreichen Affären bekannt, etwa mit Anita Ekberg und Jackie Kennedy. Gianni Agnelli trug seine Rolex über dem Ärmel, machte Geschäfte mit Muammar al-Gaddafi, nannte Liebe ein Hobby für Dienstmädchen; er war der ungekrönte König Italiens.

Seine Frau Marella Agnelli stammt aus einem neapolitanischen Adelsgeschlecht, und hatte sich ihrerseits einen Namen als Vogue-Fotografin, Model und Gesellschaftsdame gemacht. Sie galt als eine der schönsten Frauen ihrer Zeit, war eine enge Vertraute von Truman Capote und hielt es für ihre Aufgabe als Ehefrau, die Eskapaden ihres Ehemanns mehr oder weniger kommentarlos hinzunehmen. Einmal erklärte sie einem Biografen, dass Gianni Agnelli meinte, Frauen müssten nicht geliebt, sondern lediglich erobert werden. Die Ehe hielt, doch der Preis war hoch: Gianni Agnelli kümmerte sich weder um die Befindlichkeiten seine Frau, noch um die Gefühle seiner beiden Kinder. Entweder arbeitete er, traf sich mit den Mächtigen der Welt oder amüsierte sich mit seinen Geliebten. Er ging davon aus, dass sein Sohn Edoardo und seine Tochter Margaritha allein mit ihrer Mutter zu Persönlichkeiten heranwachsen würden, die dem Leistungs- und Führungsethos des Patriarchen entsprachen.

Tatsächlich aber waren beide Kinder viel zu erschöpft vom Kampf um die Aufmerksamkeit ihres Vaters, als dass sie sich zu aristokratischen Alphatieren hätten entwickeln können. Als Edoardo ein kleiner Junge war, versprach sein Vater ihm einmal, ihn nachmittags mit dem Helikopter abzuholen und zu einem Spiel von Juventus Turin mitzunehmen. Edoardo war aufgeregt, machte sich fertig und wartete zum angegebenen Zeitpunkt auf seinen Vater – der niemals kam. Ähnlich erging es auch Margaritha, die als Teenager versuchte, ihre Eltern mit einer Glatze zu schockieren. Gianni Agnellis einzige Reaktion war nur ein kurzer Seitenblick und der lapidare Satz, dass sie schon etwas anderes überlegen müssen, wenn sie ihm imponieren wolle.

Es stellte sich schnell heraus, dass Edoardo völlig ungeeignet für Gianni Agnellis Nachfolge war, zu weich, zu instabil, kommunistisch angehaucht. Man konnte ihm zwar einen Studienplatz in an der US-Elite-Universität Princeton organisieren, wo er Komparatistik und Orientalistik studierte. Doch auch das Studium konnte ihm keinen Halt geben, er konvertierte zum Islam und begann, Heroin zu nehmen. Er lehnte das väterliche Erbe und dessen Wohlstand ab, ohne allerdings auf monatliche Zuwendungen und eine eigene Villa in den Hügeln von Turin zu verzichten.  „Meine Familie“, sagte er einst der linken Zeitung „El Manifesto“, „ist von einer barocken und dekadenten Lebenshaltung zerfressen. Es ist wie bei Caligula, der sein Pferd zum Senator ernennt.“ Am 15. November 2000 war der 46-Jährige so verzweifelt, dass er ein braunes Cord-Jacket über seinen Schlafanzug zog und in seinem Fiat Croma zu einem abgelegenen Viadukt ausserhalb von Turin fuhr, zur „Selbstmordbrücke“; dort stürzte er sich 60 Meter in die Tiefe.

Lapo Elkanns Mutter Margaritha schien zunächst auf einem besseren Weg. Sie verstand sich als Mutter und Erzieherin, Dichterin und Malerin, eine Hobby-Psychologin mit New-Age-Tendenzen. Mit 19 Jahren heiratete sie Alain Elkann, eine gutaussehende Figur der jüdischen Gemeinde in Paris, der für die Agnellis arbeitete. Gemeinsam zogen sie nach New York, um sich dem Einfluss der Familie zu entziehen, er wurde Publizist, sie bekam innerhalb vier Jahren drei Kinder; John, Lapo und Ginevra. 1978 zog die Familie nach London, zwei Jahre später trennten sich Margaritha und Alain. Für Margaritha eine gute Zeit: Sie wurde eine engagierte Mutter, die ihr Glück darin fand, für ihre Kinder zu kochen und zu backen, und ihnen eine Kindheit mit Nannys und Chauffeuren zu ersparen. Als Teilzeitkraft in einem alternativen Kindergarten lernte sie Serge de Pahlen kennen, einen russischen Graf, mit dem sie nach Brasilien zog und fünf weitere Kinder in die Welt setzte.

Lapo Elkann wurde in ein Internet in den französischen Alpen geschickt, eine Katastrophe. Er sei ein unglückliches Kind gewesen, gab er Jahre später zu, er habe eine Leseschwäche und Konzentrationsschwierigkeiten und dementsprechend schlechte Noten gehabt. Noch viel schwerer wog, dass er dort seit seinem dreizehnten Lebensjahr sexuell missbraucht worden war, wie er gegenüber der italienischen Tageszeitung Il Fatto Quotidiano erzählte. „Der Missbrauch hat mir grosse Schmerzen bereitet und mein Leben ungeheuer schwer gemacht. Heute fühle ich mich stark genug, um mein Leben weiter zu leben, anderen ist das nicht gelungen. Vor anderthalb Jahren verlor ich meinen besten Freund, weil er sich umbrachte. Er hat dasselbe durchlitten wie ich, und er konnte damit einfach nicht fertig werden.“

Eine weitere Tragödie in seinem Leben ist der Bruch mit seiner Mutter Margaritha, die in einem spektakulären Erbstreit den restlichen Agnelli-Clan gegen sich aufbrachte. Als Gianni Agnelli 2003 mit 81 Jahren starb, wurde ihr ältester Sohn John Elkann zum Kronprinzen ernannt. Ihm wurde die Mehrheit der Firmenanteile übertragen, plötzlich war der 28-Jährige Mehrheitseigner eines unübersichtlichen Konglomerats aus Firmen und Holdings, zu der unter anderem die Fiat Gruppe, Juventus Turin, eine italienische Bank und eine Immobilienverwaltung in den USA gehörten. Seltsamerweise wurden nur die drei Kinder aus der ersten Ehe in das Testament mit einbezogen, die fünf Kinder aus der Verbindung zu Graf Pahlen gingen leer aus. DA Margaritha Agnelli weiter mit Klagen drohte, unterschrieb sie 2004 einen Vergleich, der ihr Firmenanteile, Immobilien und Kunstwerke im Wert von zwei Milliarden Euro bescherte. Gleichzeitig war die Fiat-Gruppe in ihrer schwersten Krise, die Erben mussten ihr eigenes Geld in die Firma investieren. Als sie einen erneuten Versuch startete, eine genaue Übersicht über den Nachlaoss zu erhalten, die ehemaligen Berater von Gianni Agnelli anzeigte und eine PR-Agentur engagierte, kam es zu dem endgültigen Bruch zwischen ihr, ihrem ersten Mann und den drei Kindern aus der ersten Ehe. „Am 7. Oktober 2005 rief ich Lapo an, um ihm zum Geburtstag zu gratulieren“, erzählte sie gegenüber der „Vanity Fair“, „Aber er sagte nur, dass er nicht mit mir sprechen solle, bis ich mit dem Erbe und der Familie meinen Frieden schliessen würde.“ Sie wurde nach dem Telefonat krank –  und Lapo Elkann erlitt wenige Tage später seinen ersten Zusammenbruch im Apartment eines Turiner Strichers.

„Ich war ein Idiot“, sagte Lapo Elkann über seine erste Überdosis. Was er über seine selbst inszenierte Entführung denkt, wird er am 25. Januar vor einem amerikanischen Gericht erklären müssen.

– Erschienen in der NZZ am Sonntag, 15. Januar 2017

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