„Es geht darum, das richtige Wort
zu finden, nicht
seinen Cousin zweiten Grades.“

Mark Twain

Mit Anleitung zum Nachhungern

Mit Anleitung zum Nachhungern

Trotz wiederkehrenden Protesten wird das von der Schönheitsindustrie propagierte Körperideal immer absurder. Die neuste Obsession gilt superdünnen Oberschenkeln. Viel Vergnügen bei der diesjährigen Badi-Diät.

 

Trotz wiederkehrenden Protesten wird das von der Schönheitsindustrie propagierte Körperideal immer absurder. Die neuste Obsession gilt superdünnen Oberschenkeln. Viel Vergnügen bei der diesjährigen Badi-Diät.

Vergangene Woche fand ein Twitter-Bild seinen Weg in diverse Facebook-Feeds, wo es mit großer Freude aufgenommen wurde: Eine Passantin hatte im Schaufenster eines Unterwäschegeschäfts im schwedischen Åhléns Erstaunliches gesehen – neben einer gewohnt dürren Schaufensterpuppe, die bei einer Größe von 1,80 Meter ohne Probleme in Größe 34 hineinpasst, stand eine weitere Figur, ebenfalls mit der Unterwäsche des Geschäfts bekleidet, nur mit den Maßen einer halbwegs realen Frau ausgestattet. Noch immer war sie sehr groß, hatte eine sehr schmale Taille, aber sie trug Kleidergröße 40 und war eindeutig an einer wirklichen Kundin und nicht an einer Barbie orientiert. Das Bild bekam auf Facebook über 130 000 „Likes“, die Kommentatorinnen waren begeistert: „Wo gibt diese Puppen zu kaufen?“, fragte die einen, „Die Schweden sind mal wieder weiter als wir“, resümierten die anderen. War sie endlich da – die Revolution des kommerziellen Frauenbildes?

Das mag in den Einkaufszentren dieser Welt gut ankommen – in der Sphäre der Mode wird noch immer der Look der superdünnen Frauen gefeiert, seitdem sich Kate Moss 1993 für den Herrenduft „Obsession“ nackt aufs Sofa legte. Und während es früher reichte, Werbeplakate auf sich einwirken lassen und ratlos davor stehenzubleiben, so bietet das Internet unter dem Stichwort „Thinspiration“ zahllose Seiten von schlanken Schauspielerinnen, Models und It-Girls, deren Gewicht zum Ideal erhoben wird – plus Anleitung zum Nachhungern. Die neueste Web-Obsession ist die so genannte „Thigh Gap“, die Lücke zwischen den Oberschenkeln einer Frau, die sich dann ergibt, wenn die Füße nebeneinander stehen und die Beine durchgedrückt werden. Ohne die Hilfe von Bildbearbeitungsprogrammen ist diese Lücke nur sehr sportlichen oder sehr dünnen Frauen gegeben – und selbst dann noch nicht einmal garantiert. Immerhin: Kate Moss hat eine „Thigh Gap“, das nichtsnutzige Socialite Alexa Chung ebenso und Cara Delivigne, die gerade zum Model des Jahres gewählt wurde – deren Lücke zwischen den Oberschenkel hat mittlerweile sogar einen eigenen Twitter-Account (@carasthighgap). Ganze Tumblr beschäftigen sich nur mit kopflosen Frauen und ihren sehr dünnen Oberschenkeln, „Do it for the Thigh Gap“ heißen die Anleitungen, wie jede Frau zu diesem wunderbaren Accessoire kommen kann. Frauen mit einem breiten Becken haben leichter als ihre schmalhüftigen Schwestern, doch im Grunde, so die Botschaft der Übungen, ist es nur eine Frage des Willens. Es gibt Youtube-Videos mit den passenden Fitness-Übungen und detaillierte Lebensanleitungen (Mehr Ausdauersport, weniger Kraftübungen, mehr Äpfel, weniger Milchprodukte, Yoga ist gut, die Beine beim Sitzen zu überkreuzen schlecht), sogar ein Print-On-Demand-Buch mit dem Titel „The Thigh Gap Hack“, das sich ausschließlich mit dem widerspenstigen Fett zwischen den weiblichen Oberschenkeln befasst. Im Gegensatz zum gottgegebenen Dekolleté kann eine Frau an dieser prominenten Stelle auch etwas mit ihrem Einsatz bewirken, darum ist jede Fitness-Übung für die Oberschenkel auch ein Dienst im Namen des Sex-Appeals. „Miniröcke sehen an Frauen mit dicken Schenkeln einfach vulgär aus, sogar im Sitzen macht man eine bessere Figur “, erklärtAnleitungsautorin „Camille“  und vertreibt auch noch Wasserflaschen, Taschen und T-Shirts mit dem Aufdruck „Thigh Gap Club“.

Ist eine Thigh Gap erst einmal da, muss sie auch entsprechend von der inszeniert und fotografiert werden. Standards sind gewagt abgeschnittenen Jeans, durchsichtige Kleidchen oder Pullover, die ausschließlich mit Overknee-Strümpfen kombiniert werden; gut macht sich auch ein Sonnenuntergang, der malerisch durch die Schenkellücke hindurchstrahlt. Die kopflosen Porträts in den verlassenen Mädchenzimmern dienen aber kaum dem sexuellen Vergnügen, sondern sind vielmehr als Tribut an den selbstoptimierten Körper zu verstehen. Für Sinnlichkeit ist auf diesen Bildern kein Platz mehr, der Blick ist nicht pornographisch, obwohl er doch genau auf das weibliche Geschlecht gerichtet ist. Diese Mädchenzimmer-Fotos ist sind Dokumente einer asexuellen Fragilität, ein Wettbewerb unter Frauen, der weniger auf die männliche Aufmerksamkeit ausgerichtet als auf die vermeintliche Quantifizierbarkeit der eigenen Schönheit.

Doch gegen den Internet-Hype formiert sich mittlerweile Widerstand: Fotoblogs mit schönen Frauen, deren Schenkel keine Lücke aufzuweisen haben entstehen, und die britische Autorin Bertie Brandes erklärt, dass es an der Zeit wäre, der Thigh Gap den Krieg zu erklären: „Eine Frau wegen ihrer Lücke zwischen ihren Schenkeln sexy zu finden ist ja ungefähr so, als würde man behaupten, Leonard Cohen wäre ein großer Dichter wegen der Stille zwischen seinen Worten.“

– Erschienen in der NZZ am Sonntag vom 14. April 2013
 

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