„Es geht darum, das richtige Wort
zu finden, nicht
seinen Cousin zweiten Grades.“

Mark Twain

Die nackte Macht

Die nackte Macht

Beyoncé gilt als Vorbild für das weibliche Publikum, doch optisch bleibt sie konservativ und bedient weiterhin Männerphantasien.

 

Laut «People Magazine» ist sie die schönste Frau der Welt. Das Forbes-Magazine ernannte sie zur wichtigsten Prominenten des Jahres. Für das «Time-Magazine» ist sie der einflussreichste Mensch auf der Erde, und zwar in der Kategorie der «allgemeinen Schwergewichte»: Damit befindet sich Beyoncé Knowles-Carter auf einer Ebene mit Barack Obama und Oprah Winfrey. Die Laudatio auf Knowles schrieb Facebook-Managerin Sheryl Sandberg: «Beyoncé setzt sich nicht einfach an einen Tisch. Sie baut lieber einen besseren. Und darum ist sie heute Vorsitzende ihrer Firma Parkwood Entertainment.»

Doch was genau bedeutet es eigentlich, die mächtigste Entertainerin der Welt zu sein? Exorbitante Plattenverkäufe, Werbedeals, ausverkaufte Tourneen, personalisierte M&Ms? Das Time Magazine hat ein System ausgeklügeltes System aus Einnahmen und Medienpräsenz erstellt, um so die Supermacht einer Person zu bemessen – und was Einnahmen angeht, den Privatjet, die völlige Absenz bürgerlicher Beschränkungen und die künstlerische Kontrolle über Werk und Image, das hat die Sängerin tatsächlich schon lange erreicht. Doch ist Kontrolle und kommerzieller Erfolg wirklich dasselbe wie Einfluss?

Tatsächlich hat die 33-Jährige Sängerin eine Erfolgsgeschichte hinter sich, die in Parkwood Drive, der Strasse ihrer Kindheit in Houston, (Texas) begann und nicht automatisch am selbst optimierten Konferenztisch als Geschäftsführerin eines Unternehmens hätte enden müssen. Eines aber war früh klar: dass Beyoncé Talent hatte. Als ihr Vater Mathew Knowles auf die Stimme seiner siebenjährigen Tochter aufmerksam wurde, kündigte er seinen Job bei Xerox und begann, statt medizinischer Geräte seine Tochter zu verkaufen. Es folgten Castingsshows, Schönheitswettbewerbe und ein ehrgeiziges Girlgroup-Training, Beyoncé wurde zu Hause unterrichtet und übte im Friseursalon ihrer Mutter, vor Publikum zu singen, zu tanzen und abzukassieren.

Die Lage war finanziell angespannt, doch nach einigen Fehlstarts bekam Destiny’s Child nun doch einen Plattenvertrag. Der Rest ist Pop-Geschichte: Mit Hits wie «Say my name» und «Independent women» gehörte die Gruppe zu den erfolgreichsten Girlbands aller Zeiten. 

Hochglanz-Feminismus
Doch die Songs, die auf selbstbewusste Weiblichkeit setzten, waren in Wirklichkeit eine Farce: von eigenen Entscheidungen konnte kaum die Rede sein. Mathew Knowles behielt die Kontrolle. Die Band wechselte häufig die Besetzung, Mitglieder zogen vor Gericht und beklagten sich, der „Drill Seargent“ würde seine Tochter bevorzugen. Entsprechend sind auch die Anekdoten, die über Beyoncés Kindheit kursieren: ein eher schüchternes Mädchen, dass mit grossem Ernst trainierte, sang und komponierte, eng in ihre Familie eingebunden, mit wenig Kontakt zu Gleichaltrigen. «Ich hätte gerne mehr mit anderen Kindern gemacht. Aber wenn ich die Wahl hätte, würde ich es heute genau so machen», sagt sie heute.

Die Geschichte vom gelenkten Kinderstar kennt man nur zu gut. Sie endet meistens tragisch: auf eine Drew Barrymore, die sich vom Katastrophenteenager zur Geschäftsfrau entwickelte, kommen zehn Michael Jacksons, die trotz ihres Talentes daran scheitern, ein würdevolles Erwachsenenleben zu führen. Doch Beyoncé schien diese Klippe problemlos zu meistern – weil, wie viel Kritiker anmerken, sie von der Führung des eines Mann zum nächsten überwechselte, ohne jemals wirklich ein eigenständiges Leben geführt zu haben. 

Mit 19 lernte Beyoncé ihren jetzigen Ehemann Jay-Z Carter kennen – sie ein überbehüteter Popstar, er ein 30-Jähriger Rapper und Unternehmer, der gerade zu einem der wichtigsten Musikproduzenten des Genres aufgestiegen war. Der Altersunterschied und seine kriminelle Vergangenheit spielten in dieser Liason keine Rolle, im Gegenteil: Für Beyoncé, die sich gerade als Soul-Diva neu erfinden wollte, genau das richtige Gegenstück – so konnte sie sich von der Girlgroup-Streberin zu einer ernst zu nehmenden Künstlerin weiterentwickeln. Und er bekam mit ihr den Glam (und damit die Aufmerksamkeit), den es in Show-Geschäft braucht, um die ganz grossen Verträge an Land zu ziehen. „Bonnie & Clyde“ hiess ihr erster gemeinsamer Hit, sie inszenierten sich als modernen Outlaws, reich, sexy, skrupellos, mit „Crazy in Love“ produzierte er für sie einen den erfolgreichsten Songs der nuller Jahre. War es Liebe, kalkuliertes Glück, beides? Egal – die beiden haben eine Tochter, Ivy Blue, und ein Vermögen, das auf eine Milliarde Dollar geschätzt wird. Gemeinsam sind sie so exklusiv wie mysteriös: Interviews gibt es kaum, Gerüchte werden ausgesessen und höchstens in Songzeilen angetastet. „Ich bin mächtig“, erklärte Beyoncé im vergangenen Jahr, „mächtiger, als ich es selber kaum glauben kann.“

2011 war es dann Zeit für den nächsten Schritt: Beyoncé trennte sich von ihrem Vater und gründete ihre eigene Firma Parkwood Entertainment. Die Entscheidung erwies sich als richtig, denn tatsächlich machte Knowles eine erstaunliche Entwicklung durch: Sie erweiterte ihr inhaltliches Repertoire (Liebe, Spass auf dem Dancefloor) um eine weitere Facette:  Sie fing nun an, politische Appelle an ihre Fans zu richten.

Geld als Maß der Dinge
Die Homo-Ehe wurde ihr Thema, ebenso wie Trayvon Martin, jener schwarze Teenager im Kapuzenpullover, der erschossen und dessen Mörder freigesprochen wurde. Doch ihr bestimmendes Anliegen wurde der Feminismus. Der Song «Run the World (Girls)» soll eine Selbstermächtigungs-Hymne für junge Frauen sein. Ausserdem tat sie sich mit Sheryl Sandberg zusammen, die mit «Lean In» gerade selber eine feministische Bewegung gestartet hatte, um Frauen zu mehr Ehrgeiz in Unternehmen aufzufordern. Diese Kollaboration passte genau zu Beyoncés Image als Arbeitstier, die in «Run the world (girls)» genau dieses Vorgehen besingt: «We’re smart enough to make these millions, strong enough to bear the children, then get back to business» – Millionen machen, Kinder kriegen, zurück in den Job; für Frauen kein Problem, zumindest nicht für Beyoncé und Sheryl Sandberg. Beide Frauen verbindet, dass sie Geld als ultimativen Massstab für Macht beibehalten, anstatt alternative Werte zu formulieren. So bleibt Rebellion noch immer kapitalismuskonform und Beyoncé muss sich keine Sorgen um ihre Werbeverträge mit L’Oreal, Pepsi oder H&M sorgen machen: sie bleibt stets sexy, fleissig und gefällig genug, um ihre Pole-Position in der Entertainmentwelt nicht ernsthaft zu gefährden; es ist auch nur konsequent, dass das „Time-Magazine“ die angeblich mächtigste Frau der Welt in Unterhosen auf dem Cover zeigt. Geht es hier vielleicht weniger um Macht als darum, ein Produkt erfolgreich mit einem anderen zu verkaufen?

Und so wird die Beyoncés Image von ihren gesellschaftspolitischen Ansagen nicht angegriffen, sondern im Gegenteil gestärkt: Es gibt ihr neue Glaubwürdigkeit. Wenn Beyoncé davon singt, dass sie für ihren Mann gerne auf dem Rücksitz der Limousine auf die Knie fallen möchte, dann ist sie nicht mehr ein fremdgesteuertes Hasi, das seine Sexualität verkauft, sondern eine selbstbestimmte Frau. So ist es ihr gelungen, auch als Mutter eine Rolle im Showgeschäft zu finden, die sich inhaltlich als Vorbild für das meist weibliche Konzertpublikum eignet und optisch Männerphantasien bedient.

Beyoncé wie kaum eine andere Künstlerin den digitalen Wandel der Musikindustrie für ihre Zwecke genutzt: Sie hat allein auf Facebook 66 Millionen Fans, auf dem Bilderdienst Instagram teilt sie mit 15 Millionen Menschen die besten Szenen aus ihrem Leben. Gerade letzteres nutzt sie, um mit Bildern auf Gerüchte zu reagieren: Kaum munkeln Magazine über eine mögliche Scheidung, inszeniert sie sich als bewundernde Ehefrau, wird ein Streit mit ihrer Schwester publik, wird schnell ein Schnappschuss in schönster Eintracht geteilt. Natürlich ist diese Instagram-Idylle sorgfältig kuratiert, doch für eine Frau, die sich weder privat noch beruflich in die Karten sehen lässt, ist es der ideale Weg, mit den Fans zu kommunizieren und sich dabei doch bedeckt zu halten.

Bei der Veröffentlichung ihres letzten Albums «Beyoncé» ging sie noch einen Schritt weiter. Das Album enthielt nicht nur 14 Lieder, sondern auch 17 begleitende Videos dazu: Beyoncé, die Tänzerin im Pariser Cabaret «Crazy Horse», die geplagte Schönheitskönigin in «Beauty hurts», Jay-Zs Ehefrau in «Drunk in Love» und zornige Aktivistin in «Flawless».

Das Album wurde ohne Vorankündigung über Nacht veröffentlicht, zunächst nur über den digitalen Musikanbieter iTunes. Beyoncé teilte zugleich Kurzversionen ihrer Songs auf ihrer Facebook-Seite und bei Youtube – die bildstarken Filme wurden so oft weitergeleitet, dass auf konventionelles Marketing genau so verzichtet werden konnte wie auf die physische Herstellung des Albums. Es gelang Beyoncé, den Herstellungsprozess geheim zuhalten und ihr Werk direkt an ihre Fans zu übergeben: Ohne Kritiker, ohne Werbung, ohne Pressetermine, ohne TV-Auftritte.

In einer Zeit, in der fast alle wichtige Musikalben vor der Veröffentlichung im Netz landen und weder Angela Merkel noch US-Aussenminister John Kerry ihre Telefonate geheim halten können, grenzt diese Diskretion an ein Wunder – und ist ein Zeichen dafür, was für eine Position Beyoncé in der Branche hat: ihre Macht äussert sich vor allem in Kontrolle über ihr Werk. Die Strategie ging auf: Das Album verkaufte sich innert dreier Tage über 800 000 mal, über eine Million Tweets wurden dazu veröffentlicht, teilweise bis zu 5300 pro Sekunde. Wenn es diese Mischung aus Medienpräsenz und Einnahmen ist, die das Time Magazine zum Massstab für einflussreiche Menschen macht, dann hat Beyoncé diese Auszeichnung wirklich redlich verdient. Und vor einer echten Revolution muss sich hier auch niemand fürchten.

Erschienen in der NZZ am Sonntag vom 31. August 2014

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