„Es geht darum, das richtige Wort
zu finden, nicht
seinen Cousin zweiten Grades.“

Mark Twain

Amerikas liebster Kurvenstar

Amerikas liebster Kurvenstar

Kate Upton hat das Genre der Sexbombe auf den neuesten Stand gebracht: Kurvig, gesund, natürlich.

 

Ein Körper wie ein Pin-up, ein Gesicht wie eine Pralinenschachtel: das amerikanische Model Kate Upton ist die neue Lieblingsfantasie der Amerikaner. 2013 hat sie sich vom unbekannten Bademoden-Model aus Florida in die höchsten Sphären der Modeindustrie vorgearbeitet. Sie wurde während der New Yorker Fashion Week zum Model of the Year gewählt, Anna Wintour, die mächtige Chefin der US-Vogue ist ein bekennender Fan und machte sie zum Gesicht der Juni-Ausgabe, außerdem durfte sie auf das Jubiläumsheft zum 100. Geburtstag der Vanity Fair.

Doch für ihren Aufstieg waren weder die Vogue noch irgendein anderes Magazin verantwortlich; kein berühmter Designer förderte sie, sie hatte keinen Musenstatus unter den Fotografen. Man kann sagen, Kate Upton hat ihren Ruhm alleine organisiert.

Vor zwei Jahren postete eine Freundin ein kurzes Video auf Youtube, in dem das bis dahin noch weitgehend unbekannte Katalogmodel bei einem Basketball-Spiel im Publikum einen „Dougie“ tanzte, eine Art Duschsimulation inklusive Haarewaschen. Der Clip zeigt Kate Upton als heitere Sexbombe, die Art Frau, die über die beneidenswerte Fähigkeit verfügt, sich in ihrem eigenen Leben wohlzufühlen. 2 Millionen mal wurde das Filmchen mittlerweile aufgerufen, ein Youtube-Hit. Der Fotograf Terry Richardson nahm sich ihrer an, machte ein Bikini-Shoot und liess sie ebenfalls wieder durch das Bild tanzen, wieder ist sie sehr anzüglich und zugleich süss, albern und selbstbewusst; 18 Mio. Mal wurde die etwa 60 Sekunden kurze Sequenz angeklickt, so häufig, dass Youtube den Film sperrte, um ihn dann wieder freizugegeben: perfektes Selbstmarketing 2.0. eben.

Gleichzeitig postet Upton mehrmals täglich Schnappschüsse auf Twitter, Bilder von ihren Jobs, ihren Freunden, ihrer Familie. Besonders geistreich sind ihre Tweets nicht, aber ihre Einträge zeigen eine junge, sehr hübsche Frau, die gut gelaunt, selbstbewusst und ein wenig naiv durchs Leben gleitet „Ich teile einfach mein Leben“, sagt sie dazu, „einfach aus dem Moment heraus, so wie es eben gerade passiert.“ Das klingt banal, hat aber Erfolg: Upton hat sie über eine Million Abonnenten, die sich für ihr Leben interessieren.

Der Erfolg von Kate Upton beweist, dass für Models mittlerweile das gleiche gilt wie für Bands, Werbespots und „Shades of Grey“– es gibt zahlreiche Wege zum Welterfolg, und einer davon ist eben das Internet. Wayne Sterling, Herausgeber der Branchen-Website models.com sagte der New York Times: „Wir alle wissen, dass Social Media eine eigene Realität herstellt und wer ein Star auf Youtube ist, der ist bekannter als jemand, der im Fernsehen auftritt.“ Damit wird Kate Upton zum Beweis für einen Strukturwandel innerhalb der Modebranche, in der die die Deutungshoheit über „schön“, „sexy“ und „angesagt“ nicht mehr allein bei den Mode-Redakteurinnen liegt, sondern eben bei der grossen Masse, von der sie sich gerade absetzen wollen.

Tatsächlich erinnert die kurvige Figur Uptons eher an Sex-Symbole wie Marilyn Monroe und Sophia Loren, mit Kleidergrösse 38 ist sie weit entfernt vom Größe-34-Standard vieler Modenschauen. Dass Upton bei einer Größe von 1,78 und einem Gewicht von 60 Kilo außerhalb der Modewelt noch immer als eher untergewichtig durchgehen würde, sorgte jedoch in einer Branche für Irritationen, in der schon die schlanke Heidi Klum über sich sagt, sie habe einen „deutschen Kartoffelhintern“.

Eine Bloggerin liess sich so abfällig über Kate Uptons Figur aus, dass ihr Beitrag den Weg in die großen News-Outlets fand; die anonyme Verfasserin nannte sie „fett wie ein Kuh und „vulgär“. Hinzu kam ein Statement der einflussreichen britischen Stylistin Sophia Neophitu, die die Castings der Wäschemarke Victorias Secret leitet: Upton sähe aus wie ein Seite-3-Mädchen, sagte sie der „New York Times“, „wie eine Spielerfrau mit schlecht blondierten Haaren und der Art von Gesicht, das jeder für Geld kriegen kann.“

Upton selber zeigte sich bestürzt über diese Reaktionen: „Das hat mich wirklich getroffen“, sagte sie der US-Vogue, „ich sass einfach nur und dachte, so, was stimmt jetzt nicht mit mir?“ Bislang hatte sie ihren Körper als genau richtig wahrgenommen: „In Florida ist es grossartig, einen guten Busen zu haben, ich war so stolz darauf! Ich meine, hallo? Ich war andauernd am Strand! Ich dachte nur, super, die anderen Mädchen werden so neidisch sein.“

Schließlich sind genau diese Kurven das Erfolgsgeheimnis von Kate Upton; und immerhin kann man sich sicher sein, dass sie sich nicht von in Orangensaft getränkten Wattebäuschen ernährt. Zudem repräsentiert sie eine sehr amerikanische Art von Schönheit, sportlich, gesund, sonnengebräunt. Und tatsächlich stimmt dieses Image eins zu eins mit ihrer wahren Persona überein.

 

Mit 18 zog sie nach New York, immer das große Ziel im Kopf: Auf dem Cover der „Sports Illustrated“ zu landen, einem als Sportmagazin getarnten Softporno, der Feministinnen zur Verzweiflung bringt und die Karrieren von Heidi Klum, Elle McPherson und Tyra Banks beschleunigt hat.

Doch die Suche nach einer neuen Agentur gestaltete sich als schwierig: „Ich will jetzt keine Namen nennen“, erzählt Upton der amerikanischen Vanity Fair, „aber mir wurde vorgehalten, ich sei zu amerikanisch, und Amerikanerinnen seien für ihre ‚Trägheit’ bekannt.“ Doch dann lernte sie den Superagenten Ivan Bart von IMG Models kennen, der auch schon die Karrieren von Kate Moss, Gisele Bündchen und Miranda Kerr plante. „Das Team fand mich gut, gerade weil ich so amerikanisch war.“ Aber auch Superagent Bart musste das restliche Team von Uptons Qualitäten überzeugen: „Alle dachten, ich sei verrückt, als ich sie vorstellte“, erzählte er später, „niemand glaubte, dass sie in der Modewelt Erfolg haben würde.“

Der Agentur gelang es, ihren Traum zu erfüllen; Kate Upton schaffte auf die „Sports Illustrated“, bekleidet ist sie mit etwas, was wie eine Mischung aus Bikini und Zahnseide erscheint. Für Upton war es der Durchbruch, Talk-Show-Einladungen, Männermagazine, Anfragen von der Vogue folgten. Upton spielte schon kleinere Filmrollen (im Bikini), plant, eine eigene Bademoden-Linie ist schon auf dem Markt. Ob sie irgendwann ein Imperium wie Heidi Klum oder Tyra Banks aufbauen kann? Kate Upton jedenfalls sieht ihren Erfolg gelassen: „Ich habe schon immer gedacht, dass ich eine ganz neue Art von Supermodel sein könnte. Jeder kann sich mit mir identifizieren.“ 

– Erschienen in der NZZ am Sonntag vom 29.09.2013

 

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