„Es geht darum, das richtige Wort
zu finden, nicht
seinen Cousin zweiten Grades.“

Mark Twain

Wie im Kindergarten

Wie im Kindergarten

Was die Stadt München alles dafür tut, damit ich meine Tochter nicht in die Kita schicke.

 

 

Ich gehöre zu den 80.000 bayerischen Müttern, die das sogenannte Landesbetreuungsgeld beziehen. Die hohe Akzeptanz bewog Horst Seehofer, die Herdprämie beizubehalten, nachdem das Bundesverfassungsgericht sie im vergangenen Sommer gekippt hatte. Die CSU hat das für mich getan. Sie wollte mich "nicht zu einem bestimmten Lebensmodell drängen". Über diesen Scherz würde ich laut lachen, wäre ich nicht so müde. Ich bin nämlich keine glückliche Hausfrau und Mutter am Herd, wie Seehofer sich das vielleicht vorstellt. Ich suche seit Monaten vergeblich einen Krippenplatz für meine Tochter und verwende das Betreuungsgeld darauf, eine Nanny zu bezahlen. So lautet meine Wahrheit hinter dem Landesbetreuungsgeld. Und das ist symptomatisch für die bayerische Familienpolitik, die alles für den Schein tut und wenig für Mütter, Väter und Kinder.

Ich habe alles richtig gemacht. Ich habe mich auf der Website der Stadt für die verschiedenen Kitas angemeldet. In der Kita-Sprechstunde habe ich mich angebiedert und versichert, wie süß die Sternchenbettwäsche sei. Bei der Tagesmutterbörse habe ich gesucht, doch außer einer Frau mit drei Hunden war nichts im Angebot. Ich saß in einem Kreis aus Schrumpfstühlen einer Elterninitiative und beteuerte, gern neben meinem Beruf regelmäßig mit anderen Müttern auf die Gruppe der Kinder aufzupassen.

Ohne Erfolg. Eltern haben seit drei Jahren einen Anspruch auf einen Kita-Platz für ihr Kind. Nach den vergangenen Monaten habe ich den Eindruck, dass man viel Energie darauf verwendet, diesen Anspruch nicht zu erfüllen.

Wenig spricht für mich: Ich bin nicht alleinerziehend, weder meine Tochter noch ich haben einen Migrationshintergrund oder soziale Probleme. Ich werde nicht bevorzugt behandelt wie die Mitarbeiter der Stadt. Dass ich arbeiten will und muss, scheint keine ausreichende Begründung zu sein.

Ich stelle einen Dringlichkeitsantrag bei der Elternberatung der Stadt; ein Service, der die Telekom wie einen Ausbund an Kundenorientierung aussehen lässt. Mir wird geraten, selbst mal ein paar Zettel aufzuhängen, abzuwarten. Klar, irgendwann kann meine Tochter sich auch selbst betreuen.

Eine Woche später meldet sich eine Beraterin. Es gebe da eine Kita, die dreißig Minuten entfernt sei. Viermal täglich müsste ich die Strecke zurücklegen: zwei Stunden am Tag zehn Stunden in der Woche, 40 Stunden im Monat. Ein Drittel meiner Arbeitszeit. Ich ziehe übrigens noch ein zweites Kind groß.

Ich sage: Das ist nicht machbar.

Die Beraterin: Eine halbe Stunde Fahrzeit müssen Sie hinnehmen, wenn Sie so dringend arbeiten müssen.

Sie hat noch zwei andere Kitas im Angebot: eine für 800 Euro im Monat und eine für 1.000 Euro. Letztere ist aber bilingual und bietet Kinderyoga an.

Ich: Das ist absurd.

Die Beraterin: Sie können beim Sozialbürgerhaus Jugendhilfe beantragen.

Dort werde mein Haushalt überprüft und entschieden, ob ich einen Zuschuss bekomme. Das kann dauern. Die Differenz zwischen privater und kommunaler Einrichtung werde jedenfalls nicht pauschal gezahlt, dazu gebe es genügend Gerichtsurteile.

Eltern, die per Losverfahren in einer kommunalen Einrichtung gelandet sind, zahlen maximal 420 Euro pro Monat. Ich soll doppelt so viel zahlen oder um einen Zuschuss betteln und meine Finanzen offenbaren? Und wenn das Amt feststellt, dass ich regelmäßig zum Friseur gehe und eine Haushaltshilfe habe, habe ich dann meinen Anspruch auf bezahlbare Kinderbetreuung verwirkt?

Ich habe einen, wie ich finde, guten Job und einen Arbeitgeber, der nur darauf wartet, dass ich wieder Zeit für ihn habe. 

Ungläubig hake ich bei der Elternberatung nach. Man erklärt mir, warum es nicht genügend Krippenplätze gebe: Wohnungsnot. Erziehermangel. Zuzug, steigende Geburtenrate, die Flüchtlinge. Natürlich, die Flüchtlinge.

Ich versuche es schriftlich: Was ist vom Rechtsanspruch übrig, schreibe ich, wenn ich die Wahl habe zwischen einer Kita, die 1.000 Euro kostet, und einer Kita, die am anderen Ende der Stadt liegt?

Die Antwort: Da auch die teuren Kitas von der Stadt bezuschusst würden, sei mein Anspruch bedient. In die Mail hat die Sachbearbeiterin einen Teil der Bayerischen Sozialgesetzgebung kopiert. Und ohnehin: Da ich es abgelehnt hätte, zwei Stunden pro Tag durch die Stadt zu fahren, bin ich raus. Ist ja meine freie Entscheidung gewesen.

"Makellos" nennt die Münchner Bildungsreferentin Beatrix Zurek übrigens die Betreuungsbilanz der Stadt.

Eine Familie hat den Irrsinn jetzt angefochten – und entgegen den vorherigen Urteilen hat der bayerische Verwaltungsgerichtshof den Eltern recht gegeben. Erstens: Eine halbe Stunde Bringzeit ist unzumutbar. Zweitens: Die Stadt muss die Differenz zwischen privatem und kommunalem Platz zahlen, stellt sie keinen Platz zur Verfügung.

Die Stadt München geht vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig in Revision, schließlich will sie die 18 Millionen Euro jährlich nicht selbst übernehmen, die sie bisher den Eltern aufgebrummt hat. Schon blinken die ersten Schlagzeilen: Zahnärztin will, dass die Stadt die Luxuskita zahlt – und eine Neiddiskussion stürzt über eine Frau herein, die den Kampf für alle anderen Mütter dieser Stadt ausgefochten hat. Als ob sie ihr Kind freiwillig in die Yogaakademie brächte.

Auch ich habe kapituliert. Betreuungsgeld bekomme ich nicht mehr. Mein Kind geht jetzt in die 800-Euro-Kita. Die Möbelchen sind maßgeschreinert, es sieht aus wie in einem sehr geschmackvollen Boutiquehotel.

Was für ein Lapo

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